Architektur im Dialog mit Ort und Aufgabe
Virtuelle Produktwelten im realen Raum: DLR in Dresden – Neubau Institut für Softwaremethoden zur Produkt-Virtualisierung / Schützende Hülle um sensiblen Kern: Technische Universität Chemnitz – Neubau Transmissionselektronenmikroskopiezentrum (TEM-Zentrum) / Tanz durch die Zeit: Festspielhaus Hellerau, Europäisches Zentrum der Künste, Dresden – Instandsetzung und Modernisierung Flügel Ost
Am Dresdner Standort von heinlewischer entstehen Bauwerke, die sich aus dem jeweiligen Kontext heraus entwickeln – mit einem klaren Blick auf Funktion, Gestaltung und Nachhaltigkeit. In enger Zusammenarbeit mit öffentlichen Auftraggebern und wissenschaftlichen Institutionen erarbeitet das Büro architektonische Lösungen für Forschung, Lehre und Kultur, die den Ort stärken und die Aufgabe präzise beantworten. Die folgenden Projekte aus Dresden und Chemnitz zeigen, wie sich dieser Anspruch in unterschiedlichen Maßstäben und Themenfeldern konkretisiert.
NEUBAU INSTITUT FÜR SOFTWAREMETHODEN ZUR PRODUKTVIRTUALISIERUNG, DRESDEN
Mit dem Neubau für das Institut für Softwaremethoden zur Produkt-Virtualisierung ist auf dem Campus der TU Dresden für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ein Gebäude entstanden, das wissenschaftliche Exzellenz mit architektonischer Klarheit verbindet. In direkter Nachbarschaft zur Fakultät Informatik und dem künftigen Lehmann-Zentrum fügt sich der rechteckige Baukörper in die städtebaulichen Fluchten ein und bildet zugleich das westliche Eingangstor zum „Grünen Band“ der Universität. Ein zweigeschossiges Foyer mit Luftraum schafft Offenheit und verbindet das Gebäude visuell mit der angrenzenden Teichanlage. Imwestlichen Gebäudeteil gruppieren sich Besprechungsräume, Büros, Teeküchen und Sanitäranlagen um einen zentralen Erschließungskern. Östlich des Foyers sind entlang eines mittigen Flures über alle Etagen hinweg Büros angeordnet – mit verglasten Elementwänden, die Tageslicht tief ins Gebäude führen. Die ruhige Lochfassade mit vorgehängten Faserzementplatten in dunkler Farbigkeit nimmt Bezug auf die benachbarten Gebäude und schafft ein homogenes Ensemble. Pflanzkästen an der Nordseite setzen den Grünraum gestalterisch auf der Fassade fort. Die Außenanlagen reagieren subtil auf die Hanglage und die begrenzte Baufläche. Ein neu gestalteter Eingangsbereich mit Sitzstufen, Stauden und Magnolien schafft Aufenthaltsqualität. Der verkleinerte Teich wurde technisch neu gefasst. Ein Holzsteg lädt zum Verweilen ein. Im Inneren arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Softwareplattformen zur virtuellen Konstruktion und Simulation komplexer technischer Systeme – etwa Flugzeuge, Windräder oder Züge. Ziel ist es, digitale Zwillinge zu schaffen, die bereits vor dem Bau alle relevanten Eigenschaften abbilden und später für Optimierung und Weiterentwicklung genutzt werden können. Ergänzend wird die effiziente Nutzung von Hochleistungsrechnern und KI-Elementen erforscht. Ein keramisches Wandrelief von Candy Lenk greift diese Themen künstlerisch auf: „Theoretischer Wind“ visualisiert digitale Luftströmungen als gefaltetes Band aus weißglänzender Keramik – ein sinnlich erfahrbarer Ausdruck unsichtbarer Prozesse. Seit der Einweihung im Juli 2024 wird der Neubau genutzt. Mit der Fertigstellung der Außenanlagen bis Ende 2025 wird das Gebäudeensemble seine volle Wirkung entfalten und sich harmonisch in das „Grüne Band“ des Campus einfügen.
Neubau Institut für Softwaremethoden zur Produkt-Virtualisierung, Dresden: Ein zweigeschossiges Foyer mit Luftraum schafft Offenheit und verbindet das Gebäude visuell mit der angrenzenden Teichanlage Abb.: Till Schuster
NEUBAU TRANSMISSIONSELEKTRONENMIKROSKOPIEZENTRUM (TEM-ZENTRUM), CHEMNITZ
Mit dem neuen Zentrum erhält die Technische Universität Chemnitz einen hochspezialisierten Forschungsbau für die Transmissionselektronenmikroskopie (TEM). Zwei neue Mikroskope ermöglichen künftig die Analyse von Strukturen bis hin zur Sichtbarmachung einzelner Atome – ein entscheidender Schritt für die Materialforschung in den Bereichen „ressourceneffiziente Produktion und Leichtbau“ sowie „neue Materialien und intelligente Systeme“. Die Architektur des Neubaus folgt einem klaren strukturellen Prinzip: Eine schützende Hülle umgibt einen sensiblen Kern. Im Zentrum des eingeschossigen Gebäudes liegen vier abgeschirmte Messräume, die speziell auf die Anforderungen der hochempfindlichen Gerätetechnik abgestimmt sind. Die Untersuchungen erfolgen fernbedient aus separaten Räumen, um Störungen durch elektromagnetische, akustische oder mechanische Einflüsse zu vermeiden. Die Gründung erfolgt über eine massive Bodenplatte mit hoher Schwingungsdämpfung. Um den Kern gruppieren sich Präparationslabore, Technikräume, Büros und Kommunikationsflächen. Ein sogenannter ByPack trennt die schwingungsintensive Peripherietechnik von den Messräumen und ermöglicht zugleich die Einbringung der Geräte. Die Fassadengestaltung abstrahiert molekulare und atomare Gefüge in eine architektonische Mikrostruktur: Vorgehängte Betonfertigteile mit strukturierter Oberfläche und gezielt eingesetzte Fensterbänder verweisen auf die mikroskopische Welt der Forschung. Vor dem Neubau setzt die Skulptur IMPACT der Künstlerin Stefanie Welk ein gestalterisches Zeichen. Die Arbeit abstrahiert kristalline Strukturen und verweist auf die Tiefenschärfe der Elektronenmikroskopie – als Sinnbild für forschendes Denken und die Wirkung wissenschaftlicher Erkenntnis. Die Nutzung des neuen Zentrums erfolgt trans- und interdisziplinär durch über 20 Professuren aus Maschinenbau, Naturwissenschaften sowie Elektrotechnik und Informationstechnik – vielfach in Kooperation mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Nach der Übergabe im Juli 2025 ist die Eröffnung des Neubaus im Frühjahr 2026 geplant.
INSTANDHALTUNG UND MODERNISIERUNG FLÜGEL OST, FESTSPIELHAUS HELLERAU, DRESDEN
Als Zentrum für zeitgenössische Kunst mit klarem Fokus auf Tanz, Musik und Theater zählt HELLERAU zu den führenden Zentren für zeitgenössische Performing Arts in Deutschland. Für den Empfang von Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt wurde die denkmalgeschützte ehemalige Kaserne Ost auf dem Festspielgelände zu einem Residenz- und Probenzentrum umgebaut. Das Ensemble des Festspielhauses wurde 1911 nach den Plänen des Architekten Heinrich Tessenow errichtet – als Musterbeispiel der Lebensreformbewegung und als „Krone“ der Gartenstadt Hellerau. Nach einer kurzen, intensiven Blütezeit erfolgte die Umwidmung zur Polizeischule und Kaserne. In den 1930er Jahren wurden im Zuge dieser Neunutzung die vier eingeschossigen Wohngebäude an der Ost- und Westseite abgerissen und durch die Kasernen Ost und West ersetzt. Besonders die Kaserne Ost unterbrach die ursprüngliche städtebauliche Verbindung zwischen dem Festspielhaus und der umliegenden Gartenstadt. Nach dem Abzug der Roten Armee Anfang der 1990er Jahre begann die schrittweise Wiederbelebung des Geländes als Ort für künstlerischen Austausch. Zunächst wurden das Festspielhaus (2004 – 2012) und die Kaserne West (2001 – 2004, 2012 – 2016) saniert. Nun ist auch die Kaserne Ost wieder in das Ensemble eingebunden und ihrer neuen Funktion als Produktionsstätte zeitgenössischer Kultur entsprechend umgestaltet worden. Das Konzept für die Sanierung und Umgestaltung der Kaserne Ost legt die Transformationsprozesse der Vergangenheit offen und macht sie fruchtbar für eine künstlerische Nutzung. Das Konzept schafft damit eine Verbindung zwischen der Geschichte des Ortes und seiner Zukunft als Produktionsstätte für zeitgenössische Kultur. Die ursprüngliche städtebauliche Gestaltung des Gesamtensembles von Heinrich Tessenow in transformierter Form wiederherzustellen, ist die zentrale Idee des Entwurfes. Ein gebäudehohes, lichtdurchflutetes Foyer stellt heute die historische Verbindung zwischen dem Festspielplatz und der umliegenden Gartenstadt wieder her. Wie der Künstler auf der Bühne zeigt der Raum dabei das Besondere, das in ihmsteckt: die Dachkonstruktion aus Kroher-Bindern – das herausragende Merkmal des denkmalgeschützten Hauses. Über das neue Foyer werden die Künstlerresidenzen und die Gastronomie erschlossen sowie die beiden großen Säle – das Probestudio und die Studiobühne – miteinander verbunden. Als „White Box“ und „Black Box“ konzipiert, stehen sie für unterschiedliche Phasen künstlerischen Schaffens: Das Probestudio ist ein heller Raum für das progressive Training, die Studiobühne ein dunkler, introvertierter Raum für konzentrierte Aufführungen. Dazwischen fungiert das offene Foyer als flexibel gestaltbare Schnittstelle, durch die sich das Publikum frei bewegen kann. Zum Tag des offenen Denkmals am 14. September 2025 wurde der neue Ostflügel feierlich eröffnet – begleitet vom Spielzeitfest zum Auftakt der neuen Saison. Mit der Fertigstellung des Ostflügels ist nun ein weiterer Meilenstein erreicht, der das baukulturell und stadtgeschichtlich bedeutende Ensemble vervollständigt und neue Räume für regionale und internationale Tanz-, Performance- und Musikproduktionen öffnet.